Der Handy-Zwang


Neulich beim Arzt. Nee, nicht was Sie jetzt denken. Ich sitze entspannt im Wartezimmer. Mit mir noch drei andere. Zwei blicken auf ihr Handy. Starren förmlich. Der eine, er mag wohl gerade 18 sein, sportliche Schuhe, cooles Shirt, schaut auf sein smartes Phone und grinst. Wahrscheinlich liked ihn gerade jemand bei Facebook, denke ich. Ein anderer Mann, etwas älter, hat auch erkennbar Spaß. Er spielt ein ziemlich bekanntes Spiel, kann ich noch so gerade erkennen, ohne dass meine sichtbare Neugier peinlich werden würde.

Da geht die Tür auf. Eine Frau mittleren Alters kommt herein. Sie setzt sich ans Fenster. Und greift sofort in ihre große Handtasche. Sucht. Handy aufklappen. Hab ich ne Nachricht bekommen? Das scheint schwierig zu beantworten zu sein, denn es dauert ziemlich lange. Da geht schon wieder die Tür auf. Eine junge Frau, knapp 20, betritt den Saal. Setzt sich schüchtern auf den erstbesten freien Platz. Und greift zu einem ziemlich alten Handy (wahrscheinlich Prepaid-Karte). Und tippt erkennbar ne SMS. Bin grad beim Arzt, sowas halt.

Als erster Reflex nach dem Hinsetzen: Griff zum Handy. Einige wollen es nur ausmachen, oder den nervigen Klingelton ausstellen wenigstens. Andere tippen noch schnell bei Facebook, dass sie Husten haben, bevor der nächste, bitte, ins Sprechzimmer gebeten wird.

Die ausliegenden Zeitschriften (ein Lesezirkel, Sie wissen schon, Bunte, Gala und so) werden achtlos liegen gelassen. Nur eine Oma blättert in einer Postille. Das war früher anders, denke ich mir. Das war aber auch Wartezimmer 1.0.

Wie ich diesen Text hier schreibe? Natürlich auf meinem Laptop. Ich habe ihn im Wartezimmer sitzend rasch aufgeklappt. Gleich nachdem ich mich hingesetzt hatte. Vorher habe ich noch mein Handy lautlos gestellt. Und bei Facebook nachgeschaut.


Der Autor

Frank Bertram ist seit 14 Jahren als Journalist in der Region tätig. Er kennt die aktuellen Themen, weiß um die Probleme und beleuchtet Ereignisse und Strukturen kritisch - "mit spitzer Feder" eben. Jede Woche schreibt er in seiner Kolumne bei Einbeck-City.de über das, was Thema ist. Oder er nimmt die Dinge des täglichen Lebens augenzwinkernd unter die Lupe.