Die Kontrolle über seine Worte verloren
21.12.2018, fb – Sonstiges

Bedrohung, Nötigung, Beleidigung, gefährliche Körperverletzung und Hausfriedensbruch: Die Liste der Vorwürfe war lang. Und doch stand am Ende ein Freispruch. Weil der 82-Jährige bei den fünf Taten, ihm vor dem Amtsgericht Einbeck zur Last gelegt wurden, als schuldunfähig eingestuft wurde.

Der psychiatrische Gutachter hatte dem Angeklagten eine wahnhafte Störung attestiert. Jeder Autofahrer ärgere sich hinterher, wenn er beim zu schnell Fahren geblitzt werde, der Angeklagte hingegen vermute in solchen Situation ein gegen ihn geschmiedetes mafiöses Komplott, versuchte der Sachverständige das Krankheitsbild auf eine Formel zu bringen. Wegen der nicht auszuschließenden Schuldunfähigkeit während der angeklagten Taten haben sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung auf Freispruch plädiert.

Der 82-Jährige habe sich inzwischen durch veränderte Neuroleptika-Medikation „vom Dorfschreck zum unauffälligen Nachbarn“ entwickelt, sagte die Richterin in ihrer Urteilsbegründung. Die umfangreiche Beweisaufnahme mit insgesamt elf Zeugen habe ergeben, dass immer wieder Belanglosigkeiten in Streitgesprächen eskaliert seien und manche Nachbarn sich durchaus einen Spaß daraus gemacht hätten, den Angeklagten zu reizen und zu ärgern. Einige Vorfälle seien gar gefilmt und ins Internet gestellt worden. Es sei schlimm, dass manche Mitmenschen den 82-Jährigen provoziert hätten, einiges wäre andernfalls nicht so gekommen wie es nun angeklagt worden sei, sagte der Verteidiger. Sein Mandant sei krank, jetzt aber auf dem richtigen Weg und seit einem Dreivierteljahr nicht mehr auffällig geworden.

Der Sachverständige appellierte an den Angeklagten, in Zukunft regelmäßig seine Medikamente zu nehmen. „Sonst kann es wieder passieren.“ Die Ausraster hätten ihre Ursache nicht, wie vom 82-Jährigen früher gedacht, in falschen Medikamenten. Er habe durch eine wahnhafte Persönlichkeitsstörung mit Affektlabilität „die Kontrolle über seine Worte verloren“. Bisherige Diagnosen, dass der Angeklagte wegen einer beginnenden Demenz sein Verhalten geändert habe, teilte der forensische Psychiater aus Göttingen nicht.

In den 1960-er Jahren sei der heute 82-Jährige bereits einmal mehrere Monate in der Psychiatrie gewesen, dann aber bis 2009 nicht wieder psychologisch behandelt worden. Etwa seit 2004 habe sich ein anderes Verhalten als früher bei dem Mann eingeschlichen, „er schimpfte mehr, stellte Leute zur Rede, beleidigte sie, wurde gelegentlich handgreiflich“. Mehrere Verfahren wegen ähnlicher Delikte waren bereits in den vergangenen Jahren wegen Schuldunfähigkeit eingestellt worden.

Der gerichtlich bestellte Betreuer des Angeklagten hatte als Zeuge ausgesagt, durch die im vergangenen Jahr umgestellte Medikation sei der 82-Jährige „ein völlig anderer Mensch geworden“. Seitdem habe es keine Vorfälle mehr gegeben, auch der Umzug in eine andere Stadt habe sich positiv ausgewirkt. Davor habe er noch persönlich miterlebt, wie der Angeklagte bei seinem Gang durchs Dorf andere Leute angepöbelt habe, sagte der Betreuer.