Eine neue Chance für 42-Jährigen
21.07.2018, fb – Sonstiges

Der 42-Jährige habe eine neue Chance verdient, sagt das Einbecker Schöffengericht – und verurteilt den Mann zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe wegen Diebstahls unter Waffengewalt, setzt diese zur Bewährung aus. „Mit Auflagen, die nur helfen sollen“, wie Richter Thomas Döhrel in seiner Urteilsbegründung sagte: In den nächsten drei Jahren muss der Einbecker eine ambulante Psychotherapie machen, regelmäßig seine Medikamente nehmen, ein Bewährungshelfer soll das ebenso wie ein geordnetes Leben gewährleisten, in einem halben Jahr möchte das Gericht einen ersten Zwischenbericht sehen. „Es passiert nicht wieder“, versprach der 42-Jährige in seinem Schlusswort.

Auf Geld- oder Arbeitsauflagen verzichtete das Gericht, weil der Mann bereits in Untersuchungshaft gesessen hat. In allen anderen 13 angeklagten Punkten, darunter zwei Vorfälle in Einbecker Kirchen und andere „Dinge, die sehr ungewöhnlich sind“, wie Richter Thomas Döhrel einräumte, hat das Amtsgericht den 42-Jährigen freigesprochen, weil dieser zum Zeitpunkt der Taten vollständig schuldunfähig war.

Das hatte auch der Sachverständige so beurteilt. Während der zwei Tatkomplexe im September 2016 und im Juli 2017 sei der 42-Jährige jeweils mehrere Tage akut psychotisch gewesen, „nicht in der Lage, sich realitätsangemessen zu verhalten“, sagte der medizinische Gutachter. An vieles könne sich der Einbecker nicht erinnern. Als er mit einer Rohrzange eine Autoscheibe eingeschlagen, die Tür einer Nachbarin wegen zu lauter Musik eingetreten oder tags darauf im Baumarkt gewesen sei, habe sich der 42-Jährige verfolgt gefühlt, jemand habe ihm nach dem Leben trachten wollen. Von der Baustelle habe er die Rohrzange genommen und mit ihr auf ein Auto eingeschlagen, weil er die Vorstellung gehabt habe, in der Wohnung, die er mit renovieren wollte, solle er vergiftet werden. Sicherheitsschuhe im Baumarkt habe er sich deshalb aus dem Regal genommen und gegen seine eigenen getauscht ohne zu bezahlen, weil der 42-Jährige den Gedanken gehabt habe, seine Schuhe seien mit Gift imprägniert worden. Beim nächsten Schub knapp ein Jahr später habe der Mann mit einer Herdplatte geworfen, eine Türscheibe eingeschlagen und die Kirchentüren zum Lüften geöffnet, weil er Dämonen am Werk gesehen habe, die in Einbeck schädliche Substanzen verteilt hätten, berichtete der Sachverständige in seiner Beurteilung.

Die Staatsanwältin hatte auch eine krankheitsbedingte Schuldunfähigkeit bei den meisten Taten bis auf eine erkannt, bei diesem Diebstahl mit Messer jedoch eine sechsmonatige Freiheitsstrafe ohne Bewährung gefordert, das Aggressionspotenzial und die Rückfallgeschwindigkeit des Angeklagten sei erheblich, sie könne keine günstige Sozialprognose geben, eine Bewährung habe man bei dem heute 42-Jährigen vor einigen Jahren schon einmal widerrufen müssen. Der Angeklagte sei kein Bewährungsversager, meinte dagegen das Schöffengericht, 2012 habe es einen Biografie-Bruch ins Positive gegeben, die vor allem aus Diebstählen und Drogendelikten bestehende lange Reihe von Vorstrafen habe damals geendet. Der Pflichtverteidiger des 42-Jährigen hatte plädiert, auch den Diebstahl habe sein Mandat im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen. Das Parfum habe er nicht stehlen wollen, sondern dies sei eine „straflose Gebrauchsanmaßung“ gewesen, weil er es in der Umkleide nur habe versprühen, nicht aber mitnehmen wollen. Durch seine psychischen Schübe habe der 42-Jährige einen anderen Geruchseindruck gehabt, meinte der Rechtsanwalt.

Der Prozessbeginn hier.