Frauenorte-Ausstellung über Paula Tobias
17.12.2018, fb – Politik

Sie war die erste Ärztin im Braunschweiger Land: Paula Tobias (1886-1970). Im Sitzungssaal des Rathauses in Kreiensen informiert eine neue Ausstellung über das Leben und Wirken der Medizinerin. Auf 18 Informationstafeln erfahren die Besucher, wie und warum Paula Tobias mit ihrem Ehemann 1912 nach Kreiensen kam und in der Akazienstraße eine Praxis eröffnete, wie sie zeitweise im Ersten Weltkrieg die einzige Ärztin im Ort war, Pflegerinnen ausbildete und außerdem am Bahnhof in einem Lazarett die Kriegsverwundeten versorgte.

Und sie erfahren, warum die Medizinerin 1935 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit ihrer Familie in die USA emigrieren musste – weil sie Jüdin war. Die neue Dauerausstellung ist am dritten Wirkungsort von Dr. Paula Tobias eröffnet worden, neben Bevern und Delligsen.

„Das ist ein sehr glücklicher Moment“, sagte Dr. Katja Drews, Kulturreferentin des Landkreises Holzminden, bei der Eröffnung. Seit 2017 ist Schloss Bevern der 34. Standort der „Frauenorte“ in Niedersachsen, einer vor zehn Jahren gestarteten Initiative des Landesfrauenrates, mit der die Geschichte von Frauenpersönlichkeiten bekannter gemacht werden soll. Paula Tobias war eine der ersten Frauen in Deutschland, die Medizin studieren durften, eine Pionierin in dem Beruf. Forsch und beherzt habe sich die damals 26-Jährige mit eigener Praxis in einer Männerdomäne behaupten müssen, berichtete Dr. Katja Drews. Sie freute sich, dass so schnell die Idee einer Kreiensener Version der Ausstellung habe realisiert werden können. Dafür zeichnen die Gleichstellungsbeauftragte sowie Museum und Archiv der Stadt Einbeck verantwortlich, zuvor hatte sich der Ortsrat Kreiensen für die Ausstellung im Rathaus ausgesprochen. Auch das profunde heimatgeschichtliche Engagement Jochen Prochnows sei wichtig gewesen, das Doppel der Frauenorte-Ausstellung über Paula Tobias in einer eigenen Kreiensen-Version erstellen zu können, dankte Drews.

Paula Tobias, geboren in Hamburg, hat als Ärztin von 1912 bis 1917 in Kreiensen gewirkt. Nachdem Ehemann Fritz 1914 in den Ersten Weltkrieg zieht, betreibt sie die Praxis allein, bildet Pflegerinnen und Sanitätsmannschaften für das Lazarett im Bahnhof aus. 1917 entscheidet sie, eine Praxis in Delligsen zu übernehmen, beginnt dort mit der Mütterberatung, die Frauen bei der Säuglingspflege unterstützt. 1928 ziehen Paula und Fritz Tobias mit ihrer Praxis nach Bevern. 1935 emigrieren sie mit Sohn Gerd nach Kalifornien. In den USA kann Paula Tobias nicht wieder als Ärztin arbeiten, sondern wird Krankenpflegerin. 1970 stirbt sie mit 84 Jahren. Weitere Informationen: www.frauenorte-niedersachsen.de.

„Ich selbst hatte in kürzester Zeit mehr Patienten als ich je gedacht hätte. Die erste weibliche Ärztin im Land Braunschweig zu sein, in Frage gestellt von einigen älteren Ärzten, die die weibliche Konkurrenz nicht eben begrüßten, stellte sich doch als recht gelingend heraus.“

Über das Leben von Paula Tobias ist heute verhältnismäßig viel bekannt, weil sie selbst 1940 eine Art Autobiografie geschrieben hat. Mit einem 240-seitigen Manuskript nahm sie am Wettbewerb der Universität Harvard teil, bei dem Emigrierte „Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933“ beschreiben sollten. 2003 veröffentlichte Wiebke Lohfeld mit ihrer Dissertation ein Portrait von Paula Tobias, das wesentliche Grundlage für die Ausstellung ist.

Im nächsten Jahr sollen fünf Stromverteilerkästen in Kreiensen mit historischen Fotos beklebt werden, um einen Rundgang zu Orten zu schaffen, die einen Bezug zu Paula Tobias haben. Wer die Ausstellung im Rathaus Kreiensen besuchen möchte, kann sich zu den Öffnungszeiten an das Bürgerbüro in Kreiensen wenden.