Gedroht, beleidigt, geschlagen: 82-Jähriger vor Gericht
16.11.2018, fb – Sonstiges

„Ich möchte ein ausgeglichenes und ruhiges Leben führen“, lässt der 82-jährige Angeklagte seinen Pflichtverteidiger erklären. Eine inzwischen veränderte Therapie sei „segensreich für mein Allgemeinbefinden“, er habe sein „inneres Gleichgewicht wiedergefunden“, zitiert der Rechtsanwalt seinen Mandanten. Warum er in der Vergangenheit immer wieder ausgerastet ist? „Ich kann mich an die Gründe nicht mehr erinnern“, lässt der 82-Jährige erklären. Er räumt die fünf Straftaten ein, wegen der er sich vor dem Amtsgericht in Einbeck verantworten muss, er soll andere Menschen beleidigt, bedroht und verletzt haben. Der Angeklagte bedauert die möglicherweise im Zustand verminderter Schuldfähigkeit begangenen Taten außerordentlich, wie er sagt, er habe „völlig überreagiert“, die Psycho-Medikament, die er damals genommen habe, hätten ihn reizbar und aggressiv gemacht. Wegen ähnlicher Delikte ist der 82-Jährige bereits mehrfach verurteilt worden. Jetzt soll alles anders, alles besser sein.

Doch kaum hat sein Verteidiger die Erklärung zu Prozessbeginn beendet, gerade will das Schöffengericht die fünf Taten einzeln durchgehen, platzt es aus dem Angeklagten heraus. „Das ist gelogen“, sagt der 82-Jährige, „den Vorfall hat’s nie gegeben, das schwöre ich bei Gott“. Ein strenges Wort und ein Blick seines Anwalts lassen den Mann wieder verstummen. „Ich weiß nicht, woran er sich wirklich erinnert“, sagt der Verteidiger über seinen Mandanten.

Der „Vorfall“ war ein eskalierender Streit mit einem Mann im Mai 2016, bei dem der Angeklagte diesem gedroht habe, ihn „abzustechen“. Kurzzeitig war er daraufhin in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Fünf Monate später soll der 82-Jährige seine damalige Nachbarin drangsaliert, mit erhobener Zeitung angeschrien und bedroht haben. Im Februar 2017 soll der Angeklagte in der Polizeistation Kreiensen randaliert und dem Polizeibeamten mit einem Regenschirm gedroht haben: „Ich zieh‘ dir einen über.“ Im Juli vergangenen Jahres schließlich soll der 82-Jährige im Bürgerbüro in Kreiensen trotz Hausverbot herumgepöbelt haben. „Der hatte nie ein Anliegen“, sagte eine Mitarbeiterin als Zeugin, „der wollte einfach nur schimpfen“. Am Ende habe man aber die Polizei holen müssen. Wenige Tage später schließlich der vorläufige Höhepunkt: Da soll der Angeklagte einem Geschäftsmann, mit dem er schon öfter in Rage geraten war, mit seinem Gehstock eine blutende Kopfwunde zugefügt haben, die im Krankenhaus genäht werden musste.

Insgesamt elf Zeugen traten am ersten Verhandlungstag vor das Schöffengericht und schilderten den Angeklagten als Menschen, der öfter laut singend, schimpfend und provozierend durchs Dorf gegangen sei und Streit gesucht habe. Dafür sei er bekannt gewesen, die meisten seien ihm schon aus dem Wege gegangen. Seit etwa drei Jahren sei es aber schlimmer geworden, früher habe man sich noch normal mit ihm unterhalten können, sagte ein Zeuge, doch zuletzt sei es nur noch Psychoterror gewesen. Darunter habe der ganze Ort gelitten, sagte ein anderer Zeuge. „Es ist so schön ruhig geworden, seitdem er nicht mehr da ist.“ Der 82-Jährige ist mittlerweile umgezogen.

Zur möglicherweise verminderten Schuldfähigkeit während der Taten wird ein Sachverständiger aussagen. Auch weitere Zeugen werden noch befragt. Der Prozess wird fortgesetzt.