"Ich schlage nur Leute, die stehen"
11.12.2018, fb – Sonstiges

Keine Entschuldigung kam dem 20-jährigen Mann im Amtsgericht Einbeck über die Lippen. Gelegenheit dazu hatte der Angeklagte in der Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht mehrfach. Doch da kam nichts. Er hätte auch einfach in einer Pause im Gerichtssaal zu seinem damaligen Opfer hinüber gehen können, der 21-Jährige war Nebenkläger in dem Prozess. Er hätte ihn um Entschuldigung bitten, ihm die Hand reichen können. Alles das tat der 20-Jährige nicht. Wegen Körperverletzung und Nötigung sowie Betruges verurteilte ihn das Gericht zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung, folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft: Der Angeklagte habe nur wegen erdrückender Beweislage die Tat eingeräumt, sagte die Staatsanwältin.

Im März dieses Jahres hatte der Angeklagte einen 21 Jahre jungen Mann, der körperlich behindert ist, in den frühen Morgenstunden vor der eigenen Haustür „übelst zusammengeschlagen, hemmungslos und besonders rücksichtslos“, wie es die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer formulierte. Richter Thomas Döhrel ließ bei der Urteilsverkündung durchblicken, dass das Schöffengericht die Jugendstrafe zur Bewährung habe aussetzen müssen, weil es das Gesetz so vorschreibe, wenn bislang noch keine einschlägige Vorstrafe vorliege. Noch einmal würde es jedoch keine Milde mehr geben, machte Döhrel deutlich. Wie so vieles im Leben rausche das Urteil bedauerlicherweise offenbar an dem 20-Jährigen regungslos vorbei, der nach sieben Jahren Schule ohne Abschluss nur wenige ganz kurze Jobs hatte und heute von Transferleistungen lebt – und vom Internet-Verkauf einer Hardware an drei verschiedene Besteller, ohne die Grafikkarte nach Erhalt der Geldbeträge ein einziges Mal zu verschicken. Weswegen das Urteil auch diesen Betrug einschließt. „Das Geld war halt knapp“, kommentierte der Angeklagte nur. 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit muss er nun ableisten und sich mehrmals auch bei der Arbeitsagentur melden.

Eine halbe Stunde lange habe der 20-Jährige auf sein auf dem Rasen liegendes Opfer eingeschlagen, es getreten, geschubst und gewürgt, urteilte das Jugendschöffengericht. Erst als ein 32-jähriger Bekannter eingegriffen hat, den die 19-jährige Ehefrau des Angeklagten aus der Nachbarschaft zur Hilfe geholt hatte, ließ der Angeklagte von dem Mann ab, der sich in sein Auto retten und wegfahren konnte. Der 21-jährige Mann kann nur ein paar Schritte mit Stützen gehen und nicht stehen, ist ansonsten im Rollstuhl unterwegs. Als besonders zynisch bezeichnete es deshalb der Richter, dass der 20-Jährige sein behindertes Opfer vor den Faustschlägen aus dem Rollstuhl habe aufstehen lassen – mit den Worten: „Ich schlage nur Leute, die stehen.“

Ein Nasenbeinbruch, Schürfwunden und Prellungen am gesamten Oberkörper, Würgemale und zugeschwollene Augen waren die Folge der erniedrigenden Prügelattacke. Als Motiv ließ das Gericht keine Kurzschlusshandlung gelten, wie sie der Angeklagte vorgegeben hatte. Das Opfer habe sich zwar offenbar etwas von der 19-jährigen Noch-Ehefrau des Angeklagten versprochen, die jedoch auch damals bereits mit dem 32-jährigen Streitschlichter liiert war, und habe nichts über den Beziehungsstatus der Beteiligten gewusst. Ihr Mandant habe eifersüchtig überreagiert, versuchte die Verteidigerin den 20-Jährigen zu entschuldigen. „Er muss noch viel dazu lernen.“

Den Streit hätten die Beteiligten aber in der Wohnung ausdiskutieren und sich dann verabschieden  können. Der Angeklagte habe aber stattdessen dem körperlich eingeschränkten Mann noch nach draußen geholfen und dann unvermittelt auf ihn gnadenlos eingeschlagen bis Hilfe kam. „Totgeschlagen hätte ich ihn nicht“, war dazu der Kommentar des 20-Jährigen. „Ich hätte schon aufgehört.“