In einer psychotischen Episode?
17.07.2018, fb – Sonstiges

Die Anklageschrift ist lang. Die 14 Straftaten, die von der Staatsanwältin im Amtsgericht Einbeck akkribisch vorgetragen werden, reichen von Belästigung und Bedrohung mit Körperverletzung bis zum schweren Raub. Als letzte der angeklagten Staftaten soll der 42-jährige Einbecker im Dezember vergangenen Jahres vor seinem Dienst als Reinigungskraft in der Fleischerei eines Supermarktes mit einem 20 Zentimeter langen Messer in der Tasche dort Parfum entwendet haben – um dieses in der Umkleide zu versprühen, weil es dort schlecht gerochen habe, begründete der Rechtsanwalt des Angeklagten.

Die Verhandlung vor dem Schöffengericht sollte ursprünglich bereits im April stattfinden. Weil der 42-Jährige damals aber nicht erschienen war und auch eine Vorladung scheiterte, war Haftbefehl erlassen worden, saß der Angeklagte seit Ende Mai in Untersuchungshaft in der JVA Rosdorf. Von dort wurde er jetzt vorgeführt.

Vor einem Jahr zog der 42-Jährige an einem Sommerabend einmal quer durch die Einbecker Innenstadt, wie mehrere Zeugen vor Gericht bestätigten. Der 42-jährige Angeklagte schwieg zu den Vorwürfen, ließ seinen Pflichtverteidiger erklären, er könne sich an vieles nicht erinnern. Zunächst soll er bei seinem Nachbarn so gegen das Fenster geschlagen haben, dass dieses zersplitterte. Später soll der Angeklagte mit einer Herdplatte nach einem Koch geworfen, in einer anderen Gaststätte die Eingangstür demoliert und ein paar Häuser weiter ein Fenster beschädigt haben. Zwei Tage später habe der Angeklagte dann zunächst in der Münsterkirche die Türen weit geöffnet, die Altarkerzen angezündet, Seiten aus dem Gästebuch gerissen und auf den Boden geworfen. Auch das Altarkreuz lag vor der Kirche auf dem Rasen, wie eine Zeugin berichtete. In der Marktkirche habe der 42-Jährige eine Aufsicht an den Haaren nach draußen gezogen und auch dort die Türen weit geöffnet.

Aus ärztlicher Sicht bestehe kein Zweifel, dass der Angeklagte bei diesen Taten vor einem Jahr eine akute paranoide Psychose gehabt habe, erklärte der Sachverständige vor Gericht. Er gehe von einer aufgehobenen Schuldfähigkeit aus. Der 42-Jährige habe offenbar einen Rückfall erlitten, habe ihm gegenüber auch davon gesprochen, dass damals zunächst in seiner Wohnung und dann überall in Einbeck schädliche Substanzen vorhanden seien, er verfolgt werde und sich der Teufel der Stadt bemächtigt habe. Daher seit der Angeklagte in den zwei Kirchen gewesen, „um dort zu lüften“, erklärte der Gutachter die Vorstellungswelt des Einbeckers. Der Angeklagte habe die Kochplatte geworfen, wenn auch nicht gezielt, weil auf der Platte giftige Substanzen hätten hergestellt werden können. 

Der Sachverständige attestierte dem Angeklagten psychotische Episoden, die erstmals 2015 aufgetreten seien und wegen der der heute 42-Jährige auch mehrfach in Behandlung gewesen ist. Mit 25 war der Mann mit seiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, wurde laut Gutachter schnell heroinabhängig. Mehrere Entgiftungen waren immer nicht lange von Erfolg gekrönt, später bekam der Angeklagte zeitweilig Methadon. Der 42-Jährige habe wegen einer paranoiden Episode stationär psychiatrisch behandelt werden müssen. Er habe nach dem Tod seiner Mutter 2015 gedacht, dass diese umgebracht worden sei und auch ihm nach dem Leben getrachtet werde. Die Episoden mit Verfolgungswahn seien offenbar zurück gekommen, möglicherweise, weil der Angeklagte Medikamente zu früh abgesetzt habe, sagte der Gutachter. Notwendig sei eine kontinuierliche psychiatrische Behandlung.

Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt; dann werden die Taten aus dem Jahr 2016 zur Sprache kommen. Der Haftbefehl wurde während der Verhandlung aufgehoben. Notfalls werde am Freitag auch ohne den Angeklagten verhandelt, machte Richter Thomas Döhrel nach entsprechender Abstimmung mit Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Sachverständigem deutlich. Besser wäre es jedoch mit dem 42-Jährigen. Der gelobte, vor Gericht freiwillig zu erscheinen: „Ich komme.“