Johanne Büchting, der "Engel von Friedland" (1924-2019)
19.01.2019, fb – Wirtschaft

Am 4. Januar ist Johanne Büchting in Einbeck gestorben. Mit 94 Jahren war sie die Seniorin der Familien Büchting und Rabbethge. Fast bis zu ihrem letzten Tag nahm Johanne Büchting Anteil am Unternehmen und an der Familie. Das jüngste Weihnachtsfest konnte sie mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln verbringen. Am 4. Januar 2019 ist die Frau gestorben, für die es ihre christliche Pflicht und zugleich Erfüllung war, sich lebenslang für andere einzusetzen. „Ich bin so dankbar, dass ich helfen konnte“, sagte Johanne Büchting. Als "Engel von Friedland" gewürdigt, wird sie in lebendiger Erinnerung bleiben, heißt es in einem von KWS verbreiteten Nachruf.

Johanne Rabbethge wurde am 1. April 1924 in Magdeburg geboren, wuchs in Kleinwanzleben (Sachsen-Anhalt) auf, wo ihre Familie seit Generationen eine Landwirtschaft und einen Saatgutbetrieb unterhielt. Sie war die Urenkelin des Unternehmensgründers von Rabbethge & Giesecke, heute KWS.

Wie für alle ihrer Generation war auch für Johanne Rabbethge der Zweite Weltkrieg das prägende Erlebnis. Kurz nachdem erst die Amerikaner und dann die Briten Sachsen-Anhalt besetzt hatten, siedelte die Familie aus der damals sowjetisch besetzten Zone über und brachte auch den Zuchtbetrieb nach Einbeck, wo die Familie Rabbethge mit der Domäne Rotenkirchen einen landwirtschaftlichen Betrieb unterhielt.

Am Landschulheim Holzminden legte Johanne Rabbethge ihr Abitur ab. Hier wurde auch ihr Mut zum freien Denken gestärkt. Eine landwirtschaftliche Lehre in Einbeck und Ebstorf schloss sich an, ebenso die Prüfung als landwirtschaftliche Rechnungsführerin. 1944 heiratete sie Dr. Carl-Ernst Büchting in Klein Wanzleben. 1945 und 1946 wurden die drei Kinder geboren.

Die Jahre nach dem Krieg waren vor allem dem Betrieb gewidmet, wo unter Leitung von Johanne Büchtings Vater Oscar Rabbethge, Schwiegervater Karl Büchting und ihrem Mann Carl-Ernst in harter Arbeit die Grundlage dafür gelegt wurde, dass aus der damaligen „Rabbethge & Giesecke Saatzucht GmbH“ ein international führendes Pflanzenzüchtungsunternehmen mit heute mehr als 5.000 Mitarbeitern wurde.

Die Eindrücke des Krieges und das dramatische Schicksal von Millionen Menschen hielten Johanne Büchting an, sich ehrenamtlich zu engagieren. Es entsprach ihrer weltoffenen und sozialen Ader, dass sie sich schon ab 1955 jenen annahm, die ähnlich wie sie selbst durch den Krieg einen Bruch ihres Lebensweges hinnehmen mussten. Dabei setzte sie sich in der Inneren Mission und beim Evangelischen Hilfswerk für Kriegsheimkehrer, Vertriebene und Flüchtlinge im damaligen Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen ein. 1957 wurde der Verein Friedlandhilfe gegründet; 1969 wurde Johanne Büchting geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Schatzmeisterin. Über die wirtschaftlichen Kontakte ihrer Familie, über den Johanniterorden und ihre Verbindungen zur Politik baute Johanne Büchting ein starkes Netzwerk auf. Ihrem Appell »Helft uns helfen!« konnte sich kaum jemand verschließen; ihr Anliegen wurde vielfältig unterstützt. So sammelte sie Millionen für die Friedlandhilfe und galt aufgrund ihres jahrzehntelangen starken persönlichen Einsatzes als „Engel von Friedland“. Sie repräsentierte nicht nur einen angesehenen Verein; sie packte selbst mit an und vor allem redete sie mit den Menschen. Von 1978 bis November 2000 war sie Vorsitzende der Friedlandhilfe, danach Ehrenvorsitzende. Bis ins hohe Alter war sie regelmäßig in ihrem Büro in Friedland anzutreffen. 

1979 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. 2004 erhielt sie das Goldene Kronenkreuz der Diakonie, wobei ihr die Auszeichnungen nicht wichtig waren. Am Herzen lagen ihr vielmehr Hilfe und Anteilnahme für in Bedrängnis geratene Menschen, die praktische Nächstenliebe und dass die Arbeit nach ihr weitergeht. „Das Durchgangslager mag heute auch ein Museum sein“, sagte sie dem Historiker und Autoren Jörg Bremer wenige Wochen vor ihrem Tod über die Friedlandhilfe, „aber die Arbeit wird doch fortgesetzt“.