Kolumne: Alles außer 1,0
23.12.2016, fb – Kolumne

Seit Jahren schon war ich geblendet, tief beindruckt jedes Mal, wenn die Abiturienten an der hiesigen höheren Lehranstalt die Schule mit ihren Zeugnissen verließen und der Oberstudiendirektor des Gymnasiums stolz die Abiturnoten und den Notendurchschnitt der jeweiligen Jahrgänge verkündete. Ich gebe es zu: Von einer Eins vor dem Komma war mein Abitur vor einem Vierteljahrhundert weit entfernt. Und meine Mitschülerinnen und Mitschüler damals waren in ihre großen Mehrheit auch keine Einserkandidaten. Ausnahmen haben die Regel bestätigt. Heute grämen sich Schüler und oftmals besonders ihre Eltern bereits, wenn es ein Abitur mit einem Notendurchschnitt von nur 1,5 ist. Eine Zwei vor dem Komma gilt offenbar fast als Versagen.

Was ich dieser Tage lesen durfte, hat mich innerlich aufgerichtet: Immer öfter werden Einser-Noten vergeben – und zwar nicht immer, weil die Schüler besonders schlau und gut sind, sondern weil Schulen im Wettbewerb um Schüler gerne gut abschneiden möchten. Viele Einser sind halt gut fürs Renommee. Wer das sagt? Niemand geringeres als der oberste Philologe, der oberste Gymnasiallehrer in Niedersachsen.

Habe ich’s doch gewusst: Wir waren früher nicht blöder. Und im Gegensatz zu heute wurden weniger gute Noten verschleudert – nur weil es angeblich so wichtig für’s Image ist. Übrigens muss eine Eins vor dem Komma beim Abitur-Durchschnitt überhaupt nichts bedeuten. Das sagt die Industrie- und Handelskammer. Die festgestellt hat, dass Abiturienten sich oft nicht strukturiert ausdrücken können und erhebliche Rechtschreibschwierigkeiten haben. Abiturienten können alles – nur kein Hochdeutsch? Was nutzt da dann die 1,0.