Kolumne: Berlin tut Einbeck gut
21.07.2017, fb – Kolumne

Umstrukturierungen sind Veränderungen – es ist durchaus menschlich, dass sie Befürchtungen oder Ängste auslösen. Nicht allein bei Betroffenen. Wenn ein Unternehmen wie KWS, Einbecks größter Arbeitgeber, wie in dieser Woche angekündigt, die Firmenstruktur komplett umkrempelt und einen neuen, zusätzlichen Standort in der Hauptstadt Berlin schafft, ist es vollkommen verständlich sich zu fragen: Ist das gut für Einbeck? Oder schlecht? Alle vorliegenden Nachrichten aus der Grimsehlstraße deuten eindeutig darauf hin, dass Berlin gut für Einbeck ist. Das in 70 Ländern tätige Saatzucht-Familienunternehmens gibt sich effizientere Konzernstrukturen. Berlin wird Einbeck gut tun. Weil es wichtig für das Unternehmen ist, das 80 Prozent seines Umsatzes im Ausland macht. Arbeitsplätze, so die klare Ansage des KWS-Chefs, werden durch die Umstrukturierung nicht abgebaut, eher im Gegenteil: 350 neue Jobs entstehen in diesem Geschäftsjahr, ein Großteil davon in Einbeck am Stammsitz. Mehr als 40 Millionen Euro investiert der Saatzüchter derzeit in seine neue Zuckerrübensaatgut-Aufbereitung. Das würde niemand machen, dem am Standort Einbeck nichts liegt und der sich vor Aktionären rechtfertigen muss, warum er hier so viel Geld ausgibt.

Freilich, niemand sollte sich etwas vormachen: Es wird Verschiebungen in der Mitarbeiter-Struktur geben. Einige Unternehmensbereiche werden künftig nicht mehr in Einbeck sein. Dafür aber andere. Nicht erst seit gestern ist immer öfter das Klagen zu hören, für einige Jobs in der Provinz schlicht und ergreifend keine Bewerber zu finden. KWS steht damit übrigens nicht allein. Da mögen wir alle Einbeck für noch so attraktiv halten und daran arbeiten, es attraktiver zu machen. Für ein Unternehmen wie KWS wird ein Bein in der Hauptstadt nicht von Nachteil sein. Dorthin, in die Metropole, lassen sich einige neue Mitarbeiter leichter locken. Gut fürs Unternehmen, gut für Einbeck.

Und vielleicht wird auch die KWS-Hauptversammlung eines Tages nicht mehr in Einbeck, sondern beispielsweise in Berlin stattfinden. Vor Jahren schon übrigens hat das Unternehmen dafür die rechtlichen Voraussetzung geschaffen. Passiert ist bislang nichts. Ein Beinbruch und ungewöhnlich für eine Einbecker Aktiengesellschaft wäre auch das nicht: Die Einbecker Brauerei war mehrere Jahre Einbeck bei ihrer Hauptversammlung untreu und gar nach Northeim gewechselt – und ist erst seit diesem Sommer wieder zurück in Einbeck.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin – dieser Fußballerspruch könnte für KWS-Beschäftigte künftig immer öfter Wirklichkeit werden. Schlimm für das Unternehmen insgesamt und seine Heimatstadt muss das nicht sein. Ein anderes, unweit von Einbeck in Duderstadt beheimatetes Familienunternehmen mit weltweiter Kundschaft, der Prothetik-Hersteller Otto Bock, macht es seit Jahren bereits vor, dass Berlin nicht das Ende, sondern ein neuer Mosaikstein für das Bekenntnis zur Heimat sein kann. Otto Bock hat eine schicke Dependence unweit des Potsdamer Platzes und ist und bleibt trotzdem Duderstadt heimatlich verbunden. Das wird mit der aktuellen Aktionärsstruktur, da bin ich mir sehr sicher, auch bei KWS in Zukunft weiterhin so sein.