Kolumne: Die Bahn kommt
07.12.2018, fb – Kolumne

Der 9. Dezember 2018 wird in die lokalen Geschichtsbücher eingehen. Das darf man ein wenig pathetisch ruhig so sagen. Nach 34 Jahren Unterbrechung und einer millionenschweren Sanierung der Strecke in den vergangenen Monaten wird ab diesem Sonntag wieder regelmäßiger Personenverkehr auf der Schiene zwischen Einbeck-Mitte und Salzderhelden unterwegs sein. Am Sonnabend wird die 4,4 Kilometer lange Strecke offiziell freigegeben, mit politischer B-Prominenz und Freifahrten für alle, die einen freien Platz in den Zügen ergattern. Ein wenig erstaunlich ist es schon, dass für die Eröffnung der ersten erfolgreich reaktivierten Bahnstrecke in Niedersachsen kein Ministerpräsident oder Minister anreist. Damit wird man dem angekündigten Staatssekretär nicht zu nahe treten. Terminprobleme können angesichts des zeitlichen Vorlaufs von mehreren Jahren für ein seit mindestens einem Jahr feststehendes Datum als Entschuldigung nicht wirklich geltend gemacht werden. Obwohl: Weihnachten kommt ja auch immer so plötzlich.

Viel wichtiger jedoch als diese Merkwürdigkeit wird der Alltag sein. Sobald alle Festreden verklungen und kostenlosen Fahrten absolviert sind, wird sich zeigen, wie die Menschen die wieder betriebene Bahnstrecke annehmen und regelmäßig nutzen werden. Dabei sind ein langer Atem und Geduld gefragt, denn niemand kann optimistisch annehmen, dass sich bereits nach wenigen Monaten alle Pendler und potenziellen Reisenden daran gewöhnt haben werden, dass ab Mitte wieder direkt ein Zug fährt – zumal die direkten Göttingen-Verbindungen im kommenden Sommer wegen Bauarbeiten an der Nord-Strecke auch gleich wieder ein halbes Jahr lang wegfallen. Eine ganze Generation Einbecker kennt es nicht, dass sie am Bahnhof Mitte in einen Personenzug steigen kann. Einige Bahnreisende aus dem Stadtgebiet werden nach wie vor in Kreiensen oder Salzderhelden in einen Zug einsteigen. Einfach deshalb, weil es für sie von zu Hause aus näher ist.

Ärgerlich sind ein paar Dinge, die nicht so hätten sein müssen. Und niemand sage bitte, er hätte es nicht rechtzeitig gewusst, planen und umsetzen können. Ein Fahrkartenautomat stand zwar gestern Nachmittag endlich auf dem Bahnsteig, er war jedoch am Donnerstag nicht in Betrieb. Noch nicht, hoffentlich. Sobald die Zugfahrten ab Sonntag bezahlt werden müssen, sollte der Automat funktionieren. Die Industrie schönt eine solche Arbeitsweise gerne mit dem feschen Ausspruch, „just in time“ werde alles fertig. Es ginge ja einfacher: Das Ticket könnte einfach online aufs Handy gebucht werden. Was andernorts mühelos funktioniert, ist im hiesigen Verkehrsverbund allenfalls Zukunftsmusik.

Und wer in Einbeck-Mitte aus dem Zug steigt und sich in Gehrichtung Innenstadt bewegt, sieht rechterhand auf dem Bahnhofgelände eine noch nicht abschließend gestaltete Fläche, die nicht gerade einladend aussieht, eine Plakatwand mit ihrer schäbigen Hinterseite ist zudem kein Willkommensgruß in Einbeck.

Und bei der ungemütlichen Situation am ZOB rächt sich die Hasenfüßigkeit, vor zwei Jahren wegen zu hoher Kosten eine Umgestaltung komplett auf Eis gelegt, sich aber keine Ersatz- oder abgespeckte Variante einfallen lassen zu haben. Jetzt mit einem Mal scheint die SPD das Thema wieder zu entdecken. Da mag man nur ausrufen: Dieser Zug ist erstmal abgefahren, und bis der nächste kommt, wird es dauern.