Kolumne: Geschwindigkeit ist nicht alles
11.08.2017, fb – Kolumne

Die Welt dreht sich immer schneller. Die Nachrichtenwelt sowieso. Eine Eilmeldung jagt die nächste, die vor Jahren diesen Status niemals erreicht hätte. Jedes Medium will das erste sein. Die Notfallseelsorge im Landkreis Northeim hat jetzt appelliert, das Tempo im Nachrichtenstrom zu bremsen: Unfallfotos sollen im Internet und dort vor allem in den so bezeichneten sozialen Medien nicht zu schnell, nicht quasi in Echtzeit veröffentlicht werden. Dieser Appell ist richtig und die Mahnung wichtig.

Die Todesnachrichten überbringenden Notfallseelsorger möchten dafür sensibilisieren, mit Bildern vorsichtig umzugehen – besonders in den sozialen Medien. Unfallfotos bei Facebook sind für die Experten ein Riesenproblem, denn durch sie erfahren Betroffene nicht von der Polizei und dem Seelsorger von dem schlimmen Ereignis, sondern stoßen manchmal durch Zufall im Netz auf die schreckliche Nachricht, wenn sie beispielsweise das Auto erkennen… Schaulustige sollten am Unfallort keine Fotos machen und auch keine Informationen ins Internet stellen, sagen die Notfallseelsorger. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein! Niemand braucht solche Gaffer-Bilder.

Die Bitte freilich an Einsatzkräfte von Polizei und Rettungsdienst, mit der Veröffentlichung eines Unfallberichts einen Tag zu warten, wird in der heutigen Medienlandschaft, in Zeiten von Facebook & Co., immer schwieriger durchzuhalten sein. Kaum ertönt ein Martinshorn, fragen viele in den sozialen Medien, wo es gekracht hat, wo es brennt. Und wer als Medium diese Frage nicht beantworten kann oder will, hat das Nachsehen. Ein Tag ist im Internetzeitalter wie eine Ewigkeit. Blaulicht-Meldungen, wie dieses Genre genannt wird, sind die meistgelesenen Nachrichten im Internet. Manche News-Portale im lokalen Bereich leben gewissermaßen von den Polizeimeldungen über Unfälle und Unglücke, diese sind die Klickhits, mit denen sie ihren Werbekunden hohe Zugriffszahlen vermelden. Dabei steckt hinter den veröffentlichten Texten meist nicht mehr als die kopierte Meldung aus dem Nachrichtendienst der Polizei.

Es ist ja ein Unterschied, wie über Unfälle und Unglücke berichtet wird. Sachlich, seriös, ohne dass Unfallopfer zu sehen und Unfallsautos zu identifizieren sind – das ist durchaus möglich. Und niemand verlangt eine Nachricht möglichst schon bevor die Feuerwehr zum Löschen ausrückt oder der Unfall überhaupt geschehen ist. Es ist auch journalistisch hilfreich, einen Schritt zurück zu treten, nicht zu spekulieren unter anderem auch, weil noch keine Fakten bekannt sind, nochmal nachzudenken, und dann die Nachricht zu schreiben. Der Appell ist wichtig. Hoffentlich verhallt er nicht gänzlich ungehört. Geschwindigkeit ist nicht alles.