Kolumne: Toleranz
08.03.2019, fb – Kolumne

Ich kann eigentlich gleich direkt darauf warten. Denn vermutlich wird es auch bei diesem Kolumnen-Text so sein, sobald er online und in einem Netzwerk gepostet worden ist: Wer dieser Tage kurz vor der Saisonpremiere einen Text oder ein Foto oder beides postet, die vom Zirkus Charles Knie in Einbeck handeln und beispielsweise über den Tag der offenen Tür im Winterquartier Volksen berichten und vielleicht gar einen Tiger zeigen, der kann sicher sein, in kurzer Zeit mindestens einen abschätzigen Kommentar zu bekommen. Und zwar einen extrem negativen. Von mutmaßlichen Tierschützern, die offenbar nur den Reflex Zirkustier benötigen, um verbal aufzujaulen.

Der Einbecker Zirkus Charles Knie ist indes nur ein Beispiel aus der Region, bei anderen Zirkusbetrieben ist das ganz ähnlich. Nun geht es nicht darum, auf einen Beitrag immer nur Lob ernten zu wollen oder den berühmten Daumen hoch. Das Beispiel Zirkus zeigt aktuell für mich jedoch ganz deutlich, dass es heutzutage extrem schwierig oder gar unmöglich wird, noch miteinander zu diskutieren – vor allem im Internet, das viel Anonymität bietet. Und mit Diskussion meine ich einen Meinungsaustausch: Der eine hat die eine Meinung über Tiere im Zirkus, der andere eine andere. Jeder lässt die Haltung des anderen gelten. Das nennt sich Toleranz.

Was hingegen immer öfter stattfindet: Ein Niedermachen jeder anderen Meinung, die von der eigenen abweicht, ein Überhöhen der eigenen Meinung als der einzig richtigen. Ich akzeptiere, dass es Menschen gibt, die wilde Tiere im Zirkus nicht gut finden und am liebsten abschaffen möchten. Ich möchte dann aber bitte auch Akzeptanz dafür, dass es andere Menschen gibt, die damit kein Problem haben und die gerne einen Zirkus mit Wildtieren besuchen. Wer am vergangenen Sonntag im Winterquartier des Zirkus in Volksen die Hunderte interessierten und begeisterten Besucher gesehen hat, sieht überdeutlich, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Und beide müssen toleriert werden.