Kreishandwerksmeister beim Gildentag: Angstmacher sind nur Minderheit
31.01.2017, fb – Wirtschaft, Politik

Es ist ein weltweit operierendes Unternehmen, das 80 Prozent im Ausland verkauft. Der Vorstandsvorsitzende sitzt mehr im Flieger als in seinem Büro in Wolfenbüttel. Im Kern jedoch, sagte Michael Volke beim Gildentag des heimischen Handwerks, sei die Mast-Jägermeister SE unverändert eine Manufaktur, die Kräuterlikör herstellt - nach alter Rezeptur. Und damit dem Handwerk gar nicht unähnlich. Glokalisierung sei ein Mega-Trend, berichtete der Jägermeister-Vorstandschef den Handwerkern. Übertragen auf Handwerksbetriebe interessiere den Kunden, wer ein Produkt hergestellt habe. "Etwas echtes mit den Händen tun, einfache analoge Erlebnisse" - diese suche der Kunde, das habe auch Jägermeister erkannt, sagte Volke, und setze deshalb im Marketing darauf. Im Mittelpunkt der Veranstaltung in der Northeimer Stadthalle standen Ehrungen für insgesamt 62 Handwerker, für besondere Leistungen ebenso wie für langjährige Betriebszugehörigkeit. Eine besondere Auszeichnung beim Gildentag waren wieder die Meisterjubiläen.

Kreishandwerksmeister Hermann-Josef Hupe berichtete bei dem jährlichen Handwerkertreffen mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik von der höchsten Zufriedenheit in der Handwerker-Branche seit mehr als einem Vierteljahrhundert. "Im Handwerk sind die Auftragsbücher voll, darüber freuen wir uns". Die Kehrseite seien jedoch Vorlauf- und Wartezeiten, im Schnitt neuneinhalb Wochen. "Wir Handwerker lassen unsere Kunden nicht gerne warten, aber wir spüren den Fachkräftemangel, das bremst unsere Betriebe aus." Das boomende Handwerk benötige dringend mehr Auszubildende und Facharbeiter. Immer attraktiver werde die berufliche Ausbildung für Abiturienten. Der Anteil der Azubis mit Hochschulzugangsberechtigung habe sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, betrage jetzt zwölf Prozent, sagte der Kreishandwerksmeister.

Herman-Josef Hupe forderte beim Gildentag dazu auf, die Stimme gegen Populismus und Extremismus in der Gesellschaft zu erheben. Das Handwerk sei offen für Auszubildende aller Nationalitäten und habe sich frühzeitig für Qualifizierung, Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen engagiert. Splittergruppen dürften in der öffentlichen Wahrnehmung nicht stärker wahrgenommen werden als sie wirklich seien, forderte der Kreishandwerksmeister.

Entwicklungen wie Terrorismus, Trump, Brexit oder Nationalismus seien Besorgnis erregend und machten Angst, sagte Hupe. Mit positiven Fakten aus dem tatsächlichen Leben und Arbeiten solle man entgegenwirken, appellierte er. "Es sind nur Minderheiten, die uns Angst machen wollen", sagte der Kreishandwerksmeister, "sie können es nur schaffen, wenn die Mehrheit sich nicht artikuliert." Er wünsche sich, das die Werte einer offenen Gesellschaft mit der gleichen Leidenschaft verteidigt würden wie beispielsweise die Einhaltung der Abstandsflächen eines Neubaus auf dem Nachbargrundstück.

Hupe attestierte "eine geradezu absurde Überrepräsentanz des Themas Angst in der öffentlichen Debatte". Internet und Soziale Medien verkürzten die Zeitspanne zwischen Ereignis und Bericht auf Null. Und in den Direktmedien würden die Dauererregten sichtbarer als die Besonnenen. Während die 20 Prozent Menschenfeinde, die eine Gesellschaft immer habe, früher kommunikativ unter sich geblieben sei, könne sich diese heute so äußern, dass sie von 80 Prozent wahr- und von 50 Prozent ernstgenommen werde.

Der Kreishandwerksmeister überreichte dem Jägermeister-Chef als Festredner in diesem Jahr keine XXL-Flasche Hardenberg-Korn, wohl aber einen Präsentkorb mit kulinarischen, handwerklich hergestellten Produkten aus der Region.