Polizei testet Autofahrer: Wer hält an und hilft?
02.11.2018, fb – Sonstiges

Die meisten Autofahrer ignorieren den Verkehrsunfall, fahren einfach vorbei. Ohne zu helfen. „Die Bilanz ist erschreckend“, sagt Polizei-Einsatzleiter Dirk Johanning. Nur 25 von mehr als 200 Fahrzeugen haben an dem offensichtlich gegen einen Baum gefahrenen Auto angehalten und wollten bei dem Unfall helfen. Sechs Notrufe registrierten Polizei und Feuerwehr. „Da saß ja niemand drin“, war die Ausrede von einem der etwa 50 Autofahrer, der wenige Hundert Meter später von der Polizei angehalten worden ist und das im Vorbeirauschen erkannt haben wollte. Doch, in dem Unfallwrack saß jemand, ein junger Mann mit blutender Kopfwunde. Schwer verletzt. In diesem Fall war allerdings alles nur ein Test. Die Polizei wollte in Einbeck prüfen: Wie viele Autofahrer stoppen bei einem Unfall am Straßenrand und leisten Hilfe?

Die „Versuchsanordnung“: Ein Kleinwagen ist gegen einen Baum am Straßenrand gefahren, die Motorhaube ist erkennbar eingedrückt, die Frontscheibe gesplittert, der Fahrer sitzt noch verletzt im Fahrzeug. Auf der dafür kurzfristig abgesperrten Hannoverschen Straße am Einbecker Ortsrand in Richtung Bartshausen hatten die Feuerwehr und das Deutsche Rote Kreuz das Szenario präpariert, das Auto an die richtige Stelle geschoben, dem mutmaßlich verletzten Fahrer eine blutige Wunde an die Stirn geschminkt. Dann hob die Polizei die Sperrung wieder auf, hieß es abzuwarten, hinter einer Hecke verborgen, aber dennoch mit Blick auf das Unfallauto, um zu sehen: Wer hält an und hilft?

„Erschreckend, wie viele Fahrzeuge vorbei fahren“, beobachtet Polizei-Verkehrssicherheitsbeauftragter Peter Schliep die Szene. Mehrmals wiederholen die Beamten den Versuch innerhalb einer knappen Stunde, sperren die Straße kurze Zeit wieder und geben sie dann wieder frei. In keinem Fall hat eines der ersten drei Autos angehalten. Die meisten fahren vorbei. „Das ist unterlassene Hilfeleistung und eine Straftat“, sagt Dirk Johanning. Mit seinen Kollegen macht er die herausgewunkenen Fahrer auf ihr Fehlverhalten aufmerksam.

Die Polizei löst die Übung immer wieder auf, sobald dann doch noch Autofahrer angehalten haben und helfen wollten. Mit ihren Kollegen geben Dirk Johanning und Peter Schliep direkt vor Ort Tipps, wie die Ersthelfer am Unfallort die Hilfe noch weiter verbessern können. Beispielsweise, dass der erste Helfer direkt mit dem Verletzten spricht, nachdem er den Notruf gewählt hat, und das zweite stoppende Fahrzeug dann mit Warnblinkanlage die Unfallstelle absichern sollte. Und dabei die Warnweste überziehen, die in jedem Auto vorhanden sein muss. „Wenn man jemanden da im Auto sieht, denkt man nicht mehr“, entschuldigt sich ein Autofahrer, der gehandelt und angehalten hat, um zu helfen. Er will gerade noch andere Autos stoppen, als Dirk Johanning und seine Kollegen die Sache auflösen. Warum andere einfach weitergefahren sind, kann der aufgebrachte Ersthelfer nicht verstehen: „Der krepiert hier und keiner hält an.“